Also schön, sage ich schließlich, nachdem ich lange allein war. Also gut. Ich werde mich erkenntlich zeigen und sprechen. Lange, fundiert und hymnisch werde ich über die Sprache sprechen, welche die Ordnung der Welt ist, musikalisch, mathematisch, kosmisch, ethisch, sozial, die grandioseste Täuschung, dies ist mein Fach. Ein Mensch kann zweihundert verschiedene Gesichtsausdrücke produzieren, um seinen Befindlichkeiten Ausdruck zu verleihen. Etwa gleichviel Töne kann ein Säugling hervorbringen. Später lernt er seine Muttersprache und vergisst den unnützen Rest. Das nennt man Ökonomie. Er lernt durch richtige Beispiele ebenso wie durch Fehler, aus denen er die richtige Regel ableitet. Das nennt man: universeller Sprachinstinkt. Gefallen aus von der bratenden Pfanne in das Feuer wir sind. Hiermit definieren wir Übersetzung als Translation als Aspekt von Kommunikation, Kommunikation von Interaktion, Interaktion von Handeln.

TERÉZIA MORA

Teréria Mora

Geboren am 5. Februar 1971 in Sopron, Ungarn. Seit 1998 freie Autorin.

Somit ist Übersetzen, sofern ihm eine Absicht zugrunde liegt: Handeln. All das habe ich einst in einer längeren Arbeit auseinandergesetzt, das Volumen schätze ich auf vierzig Bände, doch leider ist mir alles abhanden gekommen, noch bevor ich den ersten vollendet oder angefangen hätte. So kann’s gehen. Streng genommen war es nicht schade darum. Bei Bedarf kann alles in zahlreichen anderen Werken nachgelesen werden. Zum Beispiel eines Winters, wenn die Heizung ausgefallen ist oder lärmende Fremde die Wohnung belagern.

BÜCHER

Das Ungeheuer

Das Ungeheuer
Roman, 2013
Luchterhand Literaturverlag

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Lesungen

Jáf (PDF)

 

 

Der einzige Mann auf dem Kontinent

Der einzige Mann auf dem Kontinent
Roman, 2009
Luchterhand Literaturverlag

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Alle Tage

Alle Tage
Roman, 2004
Luchterhand Literaturverlag

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Seltsame Materie

Seltsame Materie
Erzählungen, 1999
Rowohlt

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In Bibliotheken ist es meist still und manchmal sogar warm. In der Theorie habe ich dem nichts hinzuzufügen, in der Praxis sieht es so aus, dass ich offiziell zehn Sprachen beherrsche, in Wahrheit sind es unendlich viele. Allein schon meine Muttersprache befähigt mich dazu, zirka zwei Dutzend verschiedene Dialekte zu unterscheiden, manche davon definieren sich als eigenständige Sprache, weil oft schon eine einzige Nuance in einem einzigen Ausdruck eine gänzlich andere Welt ergibt. Mir kann es egal sein, ich mache daraus keine Staatsaffäre.

ÜBERSETZUNGEN

Der einzige Mann auf dem Kontinent

Die Horen 195, 1999
Bestiarium hungaricum

Darin Texte von András Ferenc Kovács, Attila Bartis, Dezsö Tandori, Lajos Parti-Nagy, András Cserna-Szabó

 

Der einzige Mann auf dem Kontinent

Péter Esterházy
Harmonia caelestis
Berlin Verlag 2001

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Der einzige Mann auf dem Kontinent

István Örkény Minutennovellen
Suhrkamp 2002

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Der einzige Mann auf dem Kontinent

László Darvasi
in: Eine Frau besorgen
Suhrkamp 2003
(mit Heinrich Eisterer und Agnes Relle)

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Der einzige Mann auf dem Kontinent

Péter Zilahy
Die letzte Fenstergiraffe
Eichborn Berlin 2004

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Der einzige Mann auf dem Kontinent

Lajos Parti Nagy
Meines Helden Platz
Luchterhand 2005

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Der einzige Mann auf dem Kontinent

Péter Esterházy
Flucht der Prosa
in: Einführung in die schöne Literatur

Berlin Verlag 2006

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Der einzige Mann auf dem Kontinent

Péter Esterházy
Keine Kunst
Berlin Verlag 2008

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Der einzige Mann auf dem Kontinent

Péter Esterházy Produktionsroman
Berlin Verlag 2010

 

 

Ich spreche Kajkavisch so gut wie Cavakisch, Stovakisch oder Ijekawisch und sie sind mir alle gleich wert. Ich könnte den Dialekt eines jeden Dorfes dieser Welt lernen. Die noch bestehen und die nicht mehr bestehen. (Was haben die letzten drei Liwen miteinander gesprochen? Was sollen drei, die übrig geblieben sind, schon miteinander reden? Im übrigen waren es Liwinnen. Die Frauen bleiben immer bis zum Schluss. Sind sie dafür zu beneiden oder nicht? Mal sage ich ja, mal sage ich nein.) Jeder auf der Welt könnte zu mir kommen und zu mir sprechen, ich würde es verstehen. Und wenn es absoluter Nonsens wäre. Gerade erfundenes Kauderwelsch. Kerekökökokex. Diese Fähigkeit ist mir eines Tages ohne weitere Erklärung verliehen worden, ich dachte, ich sterbe, aber ich starb nicht, sondern. Leider – Hüte dich vor den Geschenken der Götter! – hat das einige Nebeneffekte mit sich gebracht. Da gibt es zum Beispiel dieses Hörproblem. Wo ich auch immer bin, an einem öffentlichen Ort, höre ich alle gleich laut sprechen. Ich höre die anderen Dolmetscher in ihren Kabinen, sämtliche Leute im Café, im Park. Deswegen ist es mir oft unmöglich, auf ihre Fragen zu antworten. Es ist einfach zu viel. Nicht immer ist es so, aber häufig, und bedauerlicher Weise erwischt es einen meist unangekündigt. Ich sage das nicht, um mich zu verteidigen. Es noch länger zu verschweigen hat jetzt allerdings auch keinen Sinn mehr. Zu einem Halsnasenohrenarzt zu gehen, fiel mir auch schon ein, aber zum einen habe ich keine Versicherung und zum anderen weiß ich, dass das nichts bringen würde. Körperlich ist alles in Ordnung bei mir, ich habe einen stabilen Brustkorb, in dem ich einen stabilen Brustton produziere: ein gesunder, zeugungsfähiger Mann. Ich erwähne das nicht, um zu prahlen. Nur weil es allerlei Gerüchte über mich sowie Zweifel an mir gibt. Ob ich bin, der ich bin, ob ich kann, was ich zu können behaupte. Behaupte ich es überhaupt selbst, oder hat es jemand über mich behauptet, und ich habe es nur nicht widerlegt? Aber wie sollte ich wen auch immer überzeugen? Wenn man der Kompetenteste in einer Sache ist, ist man ganz auf sich allein gestellt.

ESSAYS

Der einzige Mann auf dem Kontinent

Über das Liebesleben in der Natur (PDF)

 

 

 

Alle Tage

Das Kreter-Spiel
(PDF)

 

HÖRSPIEL

Der einzige Mann auf dem Kontinent

Miss June Ruby
(PDF)

 

THEATER

Der einzige Mann auf dem Kontinent

Sowas in der Art
(PDF)

Natürlich könnte ich den lieben Gott anrufen, dem man nachsagt, er würde alle Sprachen verstehen, was bleibt ihm auch anderes übrig. Bei ihm ist alles, Vergangenes, Gegenwärtiges, Zukünftiges, das ist der Grund dafür, warum er schweigt, während ich hier durch mein Nichtwissen voran getrieben werde. Oder je nach dem. Ökumenische, Korrektur: ökonomische sowie biologische Zwänge. Sagen wir, ich bin einfach überdurchschnittlich verfolgt vom Glück undoder Pech. Kann einem einzelnen Menschen soviel widerfahren? Und sei es, in zehn Jahren? Manchen Menschen widerfährt gar nichts. Manche legen es genau darauf an. Ich bin nicht aus lauter Übermut Wale fangen gegangen. Auf achterthalb Kilometern Höhe zu ersticken reizt mich nicht. In mir ist nichts vom Abenteuergeist meines Vaters, kein umtriebig fragender Geist bin ich wie mein Freund und Idol. Nicht alle sind wir dafür geschaffen. Ich hätte mein Leben lang in derselben von Kastanienbäumen gesäumten Strasse leben können, ein heimlich schwuler Lehrer in der Provinz, mehr habe ich nie gewollt. Mehr als zehn Jahre hat man kaum einen Mucks von mir gehört. Ich klage und ich fordere nicht, wie es sonst die Art von Leuten in meiner Situation ist. Ich habe mich darauf verlegt, zu lernen. Von der begrenzten Unveränderlichkeit einer Kindheit in den Provinzen der Diktatur in die allumfassende Vorläufigkeit der absoluten Freiheit eines Lebens ohne gültige Dokumente geraten und somit auf mich selbst und dem, was sich daraus ableiten lässt, zurückgeworfen, schien es mir der einzig gangbare Weg zu sein: sich auf nichts anderes, als auf die Kultivierung und Ausweitung meines Talents zu konzentrieren und für den obskuren Rest nicht verantwortlich zu sein. Heute weiß ich nahezu alles über die Bereiche, in denen sich Sprachen berühren und auch über die, wo sie sich niemals berühren. Etwas bleibt immer im Dunkeln. Mehr zu wissen heißt, auch mehr um die Existenz der dunklen Bereiche zu wissen. Daher die Vorsicht, sich zu äußern. Fünftausend allgemeinsprachliche Wörter pro Sprache hin oder her. Später bekam ich im Rahmen von Untersuchungen die Möglichkeit, vieles, was man als Laie wissen kann, über mein Gehirn zu erfahren. Mir standen Quellen in sämtlichen Sprachen zur Verfügung, außerdem bin ich fleißig und Hausaufgaben machen macht mir Spaß, so war es mir ein Leichtes, mein eigener Sachverständiger zu werden. Wussten Sie, dass die Schläfenlappen, wo die Sprache wohnt und nebenbei auch die Gotteserfahrungen gemacht werden, genauso aufgebaut sind, wie die Gehirnregionen, die mit aggressiven Verhalten in Verbindung stehen? Oder dass die sogenannte Berserkerwut eine von halluzinogenen Pilzen ausgelöster Wahnzustand war? Ja, so ist es. Exstatische und gewalttätige Vorstellungen gehen Hand in Hand. Zum Glück haben wir hier, auf der Vorderseite des Gehirns, auch noch eine schöne Zivilisation. Eine zehn- oder beliebigfache Sprachbarriere. Ich habe mich unter Kontrolle, das gibt’s gar nicht. Leider führt das zu einem stark asymmetrischen Linkshirn, ich kann mit Links nicht einmal eine Tasse länger als einpaar Sekunden halten, eine Brötchenhälfte, andererseits bin ich sowieso Rechtshänder. Als Kind machte ich mir Gedanken um Großes wie das Weltall und die Liebe, heute denke ich praktisch über nichts mehr nach. Ich lebe wie die Amöbe, eine widerstandsfähige, ökonomische Lebensform, der Platz, den ich auf der Erde einnehme, ist nicht größer als meine Fußsohlen, der Abdruck meines Körpers auf einer Matratze, liegend, sitzend, eine Hüftbreite Metallkäfig in fünf Etagen Höhe, und ich praktiziere alle Tage den Frieden. Dieses Wunder ist mir geschehen. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich mit schlecht bezahlter aber anständiger Arbeit. Ich wiederhole, was mir in der einen Sprache vorgesagt wird in einer beliebigen anderen. Dazu steckt mein Kopf meist zwischen zwei anderen Köpfen, diese Figur ist als die Straußhaltung bekannt, aber viele sagen auch Stereo. Die Zeichen der Zeit sind Kommunikation. Jeder, der sich äußert, ist willkommen, wir sprechen, also sind wir, bilden Laute, die sich zu Gruppen zusammenfügen, zu kleinen Sträußchen, die hier ein Wort sind und dort gar nichts, aber macht nichts, dafür haben wir ja mich. Bei Tischformen ist das Rund zu bevorzugen, wahlweise das Oval, weil raumsparender, das ist nicht unwichtig, denn dem allumfassenden Zusammensein sind nicht zuletzt physische Grenzen gesetzt. Materie braucht nun einmal Platz, das kann zu nicht unerheblichen Konflikten führen. Der Dolmetscher hat auch die Speisekarte zu übersetzen, die Suppe heißt Royal, davor gibt’s Ansprachen, später reden alle durcheinander, wie es ihre Art ist. Was sie auch immer sagen, und wenn es Mord ist, ich muss es wiederholen, und die Galgenfrist dauert exakt solange, bis ich noch spreche. Habe ich nicht manchmal daran gedacht, dass ich, in dem ich die eine Nuance der anderen vorziehe, nachhaltigen oder kurzzeitigen Einfluss auf den Gang der Welt nehmen könnte? Zum Beispiel in dem ich den Satz nie beende. Einen UNENDLICHEN SATZ sprechen, das wäre gut, aber ist das nicht zu viel für einen einzelnen Menschen? (Aus: Terézia Mora, Alle Tage. Roman, Luchterhand Literaturverlag 2004)


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